Night Out @ Berlin, Besprechungen der Nacht @ Berlin!

Das Ding mit der Normalisierung

von Torsten Flüh

[...] Mein Kamerad - Die Diva ist keine „typisch“ schwule Ausstellung im Schwulen Museum. Und das ist hochinteressant und gut so. Von vielen Frauendarstellern des Front- und Gefangenentheaters sind nämlich oft nicht viel mehr als Szenenfotos, Filme für Propagandazwecke und/oder Besetzungszettel überliefert. Ob der Mann, der leicht bekleidet eine Frau darstellte, homo-, hetero-, trans- oder intersexuell war, ist in der Regel nicht überliefert.

Der Mann, der Soldat oder der Kriegsgefangene in den Frauenrollen und als Frau gekleidet wird in überraschend zahlreichen Fotos und Filmen dokumentiert. In Kriegszeiten und mit den modernen Bildmedien des Ersten Weltkrieges erlangt plötzlich ein Geschlechterwechsel Sichtbarkeit für eine breite Öffentlichkeit, der sich allein in der Metropole Berlin bis zu jenem Zeitpunkt nur unter Ausschluss(!) der Öffentlichkeit zeigen durfte. [...]

Die von Anke Vetter kuratierte Ausstellung inszeniert interdisziplinär unterschiedliches Bild- und Anschauungsmaterial aus weit verstreuten und internationalen Archiven. Einzelne Schriftzeugnisse bringen sowohl die Lust wie die Angst am Geschlechterwechsel zur Sprache. Wird der Frauendarsteller gerade wegen seiner Darstellung des Weiblichen verehrt, gerät seine geschlechtliche Wahrnehmung von sich selbst ins Schwanken, was prominent mit Schriftstücken aus dem Nachlass von Erwin Piscator und G. W. Pabst dokumentiert wird. [...]

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September 2014