Opera Lounge. Das etwas andere Opernmagazin.

Durcheinander an der Front

von Geerd Heinsen

[...] Nun möchte man bei einem Besuch im Schwulen Museum voraussetzen, dass sich bei diesem Thema eher Homosexuelle in ihrem (angeblich) ureigenen Präsentationsfeld betätigt hätten, aber dem war durchaus nicht durchgehend so – eher im Gegenteil. Ganz sicher war die Männer-Zwangsgesellschaft des Ersten Weltkrieges durchweg homophob (der Moral der Zeit entsprechend), zumindest das Militär, und heimliche quasi-homosexuelle Beziehungen sicher nicht die Regel, wenngleich wie in allen Männer-Gesellschaften möglich und sicher vorhanden. Aber die Darsteller-Innen waren – wie Ausstellung und Katalog betonen – durchaus nicht (oder nicht offen) schwul, sondern geachtete Mitglieder ihrer eingesperrten Gruppe. [...] [Es gibt] einige ganz wunderbare Flimclips aus der Stummfilmzeit, wirklich ebenso lustige wie bestürzende Fotos von Einzeldarstellern. Und eben in den abfotografierten Gesichtern der Zuschauer wie der Darsteller diese Mischung aus Stolz, Vergnügen und Genanz zu sehen, diese Mischung aus Unschuld und Scham nachzuerleben – das hat mich sehr angerührt. Überhaupt wirkten die vielen Bild-Zeugen durchaus nicht exhibitionistisch, sondern eher eben unschuldig, eben sub-erotisch. Denn die Erotik spielte natürlich eine ganz große Rolle, eine uneingestandene, (weitgehend) heimliche, lustvolle – nicht platt zur Schau gestellte, sondern eher zu erahnende. [...]

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September 2014