Symposium

Das Symposium widmet sich den Fragen des Themas in wissenschaftlicher Vertiefung. Es verortet das weit verbreitete Phänomen der Damendarsteller in Theatern an der Front und in Gefangenenlagern während des Ersten Weltkriegs – auch in kultureller und geschlechterpolitischer Hinsicht. Es fragt, welche Rolle das Theaterspiel und darin speziell das Spiel mit den Geschlechterrollen für Soldaten und Gefangene zwischen Ablenkung, Unterhaltung und Verdrängung übernahm. Welche neuen Begehrensmuster und Identitäten regte dieses Spiel an? Wie weit reichte es in den Front- und Lageralltag bzw. in die Nachkriegsgesellschaft hinein? Spiegelte die Travestie in den Kriegstheatern die im Weltkrieg in Bewegung geratenen gesellschaftlichen Geschlechterrollen?

Das Symposium zeichnet nach, welche eigenen Regeln für den Umgang mit dem Mangel an real anwesenden Frauen und mit den imaginierten „Damen“ in den Lagern entworfen wurden. Es eruiert, in welchen anderen Diskursen der Zeit die nicht selten als „Diva“ verehrten Damendarsteller erschienen – etwa in medizinischen, sexualtheoretischen oder juristischen Debatten. In welchen Zusammenhängen und Medien setzte sich dieses Phänomen nach Kriegsende fort? Und nicht zuletzt stellt sich die Frage, wie sich die historische Szenerie der Damenimitation zur heutigen Geschlechterforschung und Geschlechterpolitik verhält.

Ort: Institut für Kulturwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, ‚Medientheater‘, Georgenstraße 47, 10117 Berlin, Erdgeschoss (S-Bahnhof: Friedrichstraße).

Der Eintritt ist frei.


Programm

10.00 – 11.00
Begrüßung und Einführung in die Thematik
Wolfgang Theis, Vorstand des Schwulen Museums* (Berlin)
Julia B. Köhne (Berlin)
Britta Lange (Berlin)
Katja Koblitz (Berlin)
Anke Vetter (Berlin)

11.00 – 12.00
Jason Crouthamel (Grand Rapids, Michigan)
Cross-Dressing, Kameradschaft und Homosexualität im deutschen Heer während des Ersten Weltkriegs
Der Vortrag untersucht die Auswirkungen des Kriegs auf Maskulinitätsideale, homosoziale Bindungen und Vorstellungen von Homosexualität. Die industrialisierte Kriegführung von 1914-1918 traumatisierte viele Männer zutiefst, sowohl physisch als auch psychologisch. Um die Erfahrungen durchstehen zu können, experimentierten Männer mit sexuellen Verhaltensweisen und Fantasien, darunter auch Cross-Dressing. Schützengrabenzeitungen verdeutlichen, dass heterosexuelle Soldaten sich sexuelle Witze und erotische Unterhaltung zunutze machten, um dem Druck militarisierter Maskulinität hin und wieder zu entkommen und über alternative Geschlechterrollen zu fantasieren. Für homosexuelle Soldaten hoben der Humor und der Unterhaltungsaspekt nicht nur das Stigma des Cross-Dressing auf, sondern auch das der Liebe zwischen Männern. Homosexuelle Soldaten nutzten die relative Normalisierung der männlich-männlichen Liebe, um nach dem Krieg für die homosexuelle Emanzipation zu kämpfen.

12:00 – 13:00
Eva Krivanec (Wien)
Travestie an der Front. Das Fronttheater und die Transgression von Geschlechterordnungen im Ersten Weltkrieg
Theateraufführungen in oder in der Nähe von Kriegsgebieten waren historisch kein neues Phänomen, aber die Bühnenaktivitäten nahmen im Ersten Weltkrieg bis dato unbekannte Dimensionen an. Von improvisierten „Bunten Abenden“ bis zu Gastspielen berühmter Opernensembles reichte die Bandbreite des Fronttheaters. Künstler und Artisten unter den Soldaten versuchten, ihre Profession auch an der Front auszuüben und mit zunehmender Dauer des Kriegs wurden die Armeeleitungen selbst aktiv und erkannten das psychologische – indirekt propagandistische – Potenzial des Fronttheaters. Ein Spezifikum des Fronttheaters, vor allem des selbst organisierten Soldatentheaters, war die Übernahme der weiblichen Rollen durch Männer, was zwar dem offensichtlichen Mangel an Frauen geschuldet war, sich aber zur eigenständigen Attraktion entwickelte. Das Cross-Dressing hatte nicht nur komische, sondern auch anrührende Effekte, da die dargestellten Frauen wie Botschafterinnen von Daheim wirkten und die travestierten Darsteller zugleich ambivalente erotische Signale aussandten.

13.00 – 14.30
Mittagspause

14.30 – 15.30
Peter W. Marx (Köln)
„Das [sic!] Kampfbereich war der Schauplatz der Damendarsteller.“ Spannungsverhältnisse des Kölner Kriegstheaterarchivs
Der Vortrag richtet den Blick auf das Kriegstheaterarchiv der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln, das durch einen Aufruf Carl Niessens begründet wurde. 1925 bat er in Der Neue Weg um Dokumente und Materialien zu Theater während des Ersten Weltkriegs. Aus den privaten Beständen der Kriegsteilnehmer sollte somit ein spezielles Archiv begründet werden, dessen Objekte 1928 auf der Deutschen Theater-Ausstellung in Magdeburg der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Wie lässt sich die Motivation Niessens vor dem Hintergrund seiner biografischen Kriegserfahrung sowie seiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Alten Kölner Spiel von Jedermann und mit Hermann Reichs Konzept des Mimus verstehen?

15.30 – 16.30
Christoph Jahr (Berlin)
Formen und Funktionen des Theaterspielens in den Zivilinternierungslagern des Ersten Weltkriegs: Das Beispiel Ruhleben
Das „Engländerlager“ in Berlin-Ruhleben ist vielleicht das bekannteste, auf jeden Fall das am besten dokumentierte Lager für sogenannte „Feindstaatenausländer“ in Deutschland während des Ersten Weltkriegs. Da der Anteil an Künstlern und Intellektuellen unter den Gefangenen sehr hoch war, gab es ein reichhaltiges und differenziertes künstlerisches und intellektuelles Leben, zumal die Internierten viele Dinge relativ autonom regeln konnten. Zahlreiche zeitgenössische Quellen ermöglichen tiefe Einblicke in die Formen und Funktionen des Theaterspielens für die Gefangenen. Debatten um künstlerische Inhalte lassen sich ebenso nachzeichnen wie Gender-Aspekte oder die Bedeutung, die das Theaterspielen für die Selbstbehauptung von Menschen hatte, die jahrelang in einer Ausnahmesituation leben mussten. Es soll einerseits ein Beitrag zur Kultur- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs geleistet werden, andererseits werden bislang wenig diskutierte Aspekte aus dem ,Jahrhundert der Lager‘ beleuchtet.

16.30 – 17.00
Kaffeepause

17.00 – 18.00
Iris Rachamimov (Tel Aviv)
„Er war für die Gefangenen, was er darstellte.“ Geschlechtertransgressionen in Kriegsgefangenenlagern des Ersten Weltkriegs
Komplexe Spiele mit den Geschlechterrollen waren in den Kriegsgefangenenlagern des Ersten Weltkriegs weit verbreitet. Sie fanden in den Kasernen statt, wo Gefangene verschiedene Situationen aus dem häuslichen Leben nachstellten; in den Lagern; in den Lagerwerkstätten, in denen die Häftlinge ehrbare und leistungsfähige Männer verkörperten; in ausgewiesenen Unterhaltungszonen wie dem Lagertheater und den Lager-Cafés; und sie durchzogen den Lageralltag, die täglichen Gänge, Unterhaltungen und die Kleidung. Kriegsgefangene Offiziere und bestimmte Zivilgefangene hatten mehr Freiraum für Geschlechterspiele, da sie von der Zwangsarbeit befreit waren und besseren Zugang zu Geldzuwendungen von Außerhalb hatten. Geschlechterspiele konnten normativer Art (Reproduktion vorherrschender Geschlechterrollen) oder nicht-normativer Art (Infragestellung von Sex- und Geschlechterdarstellungen der Vorkriegszeit) sein. Der Vortrag untersucht das weit verbreitete Phänomen der Damendarstellung in Gefangenenlagern sowie die Art und Weise, in der dieses den zeitgenössischen europäischen Gender-Begriff zugleich abbildete und in Frage stellte.

19.00      
Führung durch die Ausstellung und kleiner Empfang im Schwulen Museum* (begrenzte Teilnehmerzahl)